Stornierte Flüge, geschlossene Hotelbars und hunderte offene Stellen. Immer mehr Unternehmen suchen nach Mitarbeiter:innen, denn Personal fehlt an allen Ecken und Enden. Sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Sektor - von großen Konzernen, bis hin zu kleinen Familienunternehmen: Das Rennen um neue Köpfe ist offiziell eröffnet. 

Während die Personalsuche in vielen Betrieben auf Hochtouren weiterläuft, finden Start-ups und junge Unternehmen vielfach leichter Personal als etablierte Corporates. Aber woran liegt das?

Das Stichwort hierfür lautet „Employer Branding”. Vorbei ist die Zeit, in der sich der Jobsuchende bewerben musste - heute bewirbt sich viel mehr das Unternehmen. Ganz neu ist dieser Trend allerdings nicht: Große, etablierte Unternehmen unterhalten schon lange ganze Abteilungen und investieren viel Geld, um die Jahrgangsbesten direkt an der Uni anzuwerben, bevor diese überhaupt erst auf den offiziellen Arbeitsmarkt kommen. Mittlerweile hat sich der Trend sogar auf die Gesamtheit der Absolventen ausgeweitet und betrifft nicht mehr nur die besten Schulabgänger.

Das klassische Stelleninserat in den Tages- und Wochenzeitungen hat ausgedient, denn Mitarbeiter:innen muss man da suchen, wo diese sich auch effektiv aufhalten: Instagram, TikTok, YouTube, Tinder, oder sogar im Fitnessstudio. Rekruter:innen im Jahre 2022 müssen folglich dringend umdenken, um die offenen Posten künftig auch besetzen zu können.

Kickertisch, Obstkorb, Getränkekühlschrank und Homeoffice werden von jungen Unternehmen zwar offeriert, in den Stellenanzeigen vielfach aber schon gar nicht mehr erwähnt, da derartige Incentives in der Szene mittlerweile Usus geworden sind. Eine moderne und gelebte Unternehmenskultur soll folglich beweisen, wie attraktiv man als Unternehmen wirklich ist. 

Im Employer Branding zählt aber mehr als nur die Unternehmenskultur. Employer Branding heißt vor allem auch zu definieren, was von einem künftigen Mitarbeiter erwartet wird und was man als Unternehmen bieten kann. Somit gibt man dem potenziellen Bewerber die Möglichkeit, schon vor der Bewerbung einschätzen zu können, ob Werte, Anforderungen, Unternehmenskultur, sowie die beidseitigen Vorstellungen zusammenpassen oder nicht. Bewertungen von Mitarbeiter:innen, Serviceangebote, Incentives und Unternehmenskultur sind einige essenzielle Aspekte, die ein Unternehmen für einen Arbeitnehmer attraktiver gestalten können und so die Arbeitgebermarke stärken.

Schnelle, einfache Bewerbungsprozesse und nette Ansprechpartner auf Augenhöhe spielen eine zentrale Rolle in der Employer Experience. Wichtig ist außerdem die Tatsache, dass nicht jeder Skill durch ein Zeugnis und eine Bewertung hinterlegt sein muss, da man sich heute vielerlei Dinge im Selbststudium mittels YouTube und Co beibringen kann - Akzeptanz in diesen Aspekten trumpft bei neuen Bewerbern.

Natürlich spricht dabei nicht jede Arbeitgebermarke auch jeden potenziellen Bewerber:in an – das soll aber auch so sein. Es ist nämlich unumgänglich, dass das Employer Branding auf den tatsächlichen Anforderungen basiert und von der Geschäftsführung mit der HR-Abteilung und nicht zwangsläufig in der Marketingabteilung entwickelt wird. Sprich, es geht nicht darum, dass es schön aussieht und gut klingt - ganz im Gegenteil: Inhaltslose Marketingsprache kann der Arbeitgebermarke sogar schaden. Es geht vielmehr darum, am Jobmarkt als eine starke, belastbare, ehrliche und vertrauenswürdige Marke aufzutreten und somit stärker wahrgenommen zu werden. Dadurch erhöht man seine Chancen, an gute Bewerbungen zu kommen und die passenden Mitarbeiter:innen zu finden und einzustellen. 

Ursprünglich veröffentlicht in der September-Ausgabe der Wirtschaftszeitschrift eco.nova Ausgabe Nr. 07 vom September 2022.